extradienst.at – Wechsel-Wahler

Verfasst am 16.05.2018




70 Prozent der Konsumenten denken an das „Ja“-Wort für einen neuen Energieanbieter. Was den Wettbewerb am heimischen Markt anheizt – auch in Sachen Marketing

Die üblichen Bedenkenträger standen damals unter Strom. Geringes Interesse der Verbraucher, keine relevanten Margen, wenig Aussicht auf bessere Verhältnisse – die Unkenrufe waren unüberhörbar. Wer sich trotzdem als Anbieter auf den liberalisierten Energiemarkt wagte, musste offenbar eine ziemlich dicke Haut besitzen. Oder die insgeheime Überzeugung, dass hier sehr wohl noch ausreichend wirtschaftliche Lichter angehen könnten. Trotz keineswegs überwältigender Ausgangsbedingungen.

Alle First Mover, offenbar mit Weitblick ausgestattet, sind richtig gelegen. Selbst wenn eine lange Periode erforderlich war, bis sich das monopolistisch eingelernte Verhalten der Kunden geändert hat. Das Klischee vom zögerlichen Verbraucher, der einen Lieferanten-Wechsel scheut wie ein Veganer rohes Fleisch, ist Geschichte. Kaum jemand fürchtet mehr ernsthaft, dass im Zuge eines neuen Vertrages der Fernseh-Bildschirm schwarz bleibt und der Herd auf dauerkalt schaltet. Vielmehr zeigt sich in den Haushalten die klare Tendenz zur Energie-Veränderung.

Von Stillstand kann also auch in Österreich keine Rede mehr sein, belegen gleichermaßen die nüchternen Zahlen. Laut einer Befragung des heimischen Tarifvergleichsportals durchblicker.at aus dem März des Vorjahres zeigen sich rund 70 Prozent der Konsumenten zumindest theoretisch wechselwillig. Etwa die Hälfte dieser Gruppe hat hier immerhin schon konkrete Schritte gesetzt. An rund 20 Prozent ist das Thema bisher spurlos vorübergegangen. Die Gruppe der Pragmatiker ist dafür im Sinken begriffen: Nur 10 Prozent lehnen einen Wechsel kategorisch ab.

Wechsel

„Über die letzten Jahre ist eine steigende Zahl von Verbrauchern bereit, es mit einem anderen Anbieter zu probieren. Das liegt einerseits am stärkeren Wettbewerb und den damit verbundenen hohen Preisunterschieden. Andererseits aber ebenso am Abbau von Hürden durch den Regulator. Heute kann unter anderem jeder seinen Lieferanten digital ohne Papier-Formalitäten wechseln, was jetzt auch immer mehr Personen verwenden“, bestätigt Reinhold Baudisch, Geschäftsführer von durchblicker.at.

Auch ein Bericht der Energieregulierungsbehörde E-Control spricht eine deutliche Sprache: Die Konsumenten haben in den ersten drei Quartalen des Vorjahres im Vergleich zu 2016 um 29 Prozent häufiger ihren Anbieter für Strom und Gas gewechselt. Damit sind mehr als 263.000 Kunden diesen Schritt gegangen. „Es gibt eine größere Auswahl an Produkten, neue Lieferanten sind in den Markt eingetreten, das Einsparpotenzial beim Wechsel hat sich erhöht und viele Lieferanten konnten ihre Preise senken“, unterstreicht Vorstand Wolfgang Urbantschitsch.

Der Austro-Markt bietet also genügend Luft nach oben, was potenzielle Wechselwähler betrifft. Was so manchen Beobachter gleichzeitig leicht verblüffen mag, denn schließlich reicht der Beginn der Liberalisierung zurück in das Jahr 2001. Doch gewisse Blockaden lassen sich eben nur mit langem Atem, strategischer Konsequenz und zugkräftigen Argumenten überwinden. Es wirkt wenig verwunderlich, dass die Akteure diesen nachhaltigen Aufwind nützen möchten und daher jetzt verstärkt auf Marketing-Kraft setzen.

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