nzz.at – Der Horror des Weltspartages

Verfasst am 02.11.2016




Zum ritualisierten Weltspartag bleibt die Welt erneut ver-rückt. Leitzinsen unter null, Sparzinsen an der Wahrnehmbarkeitsschwelle.

Zum Glück werden nur wenige Kinder anwesend sein. Der Horror wäre auch kaum zu verkraften.

Wenn heute der Weltspartag in den Banken dieses Landes offiziell begangen wird, dann sind die kleinen Mitbringsel und Geschenke das Einzige, woran sich die treuen Kunden festhalten können. Ansonsten wartet eher das Erschrecken und Starren angesichts der mickrigen Zinsen. Denn die vielen Geschenke, ob vom Sparefroh oder der Biene Sumsi verteilt, können über eines nicht hinwegtäuschen: Zinsen in spürbarer Höhe wird es auch dieses Jahr nicht geben. Unterm Strich, nach Abzug von Kapitalertragssteuer und Inflationsrate, bleibt der sichere Kaufkraftverlust. Das ist für den traditionellen Sparbuch-Sparer in Österreich eine Horrorvorstellung, wohl vergleichbar mit den Horrorclowns, die dieser Tage so manche Straße unsicher machen.

Und so ist es wenig überraschend, wenn das Finanz-Vergleichsportal Durchblicker.at im Zuge einer Umfrage zu dem Schluss kommt, dass sich nur jeder Fünfte mit Kindern dieses Jahr mit seinem Nachwuchs in eine Bankfiliale verirren wird. Denn was sollen die Kinder beim Weltspartag schon für wichtige Lektionen lernen? Dass Sparen so gut wie sinnbefreit ist? Dass es keine Zinsen gibt? Dass Sparen nur bedeutet, dass man Geld auf die Seite legt und dafür ein Goodie bekommt? Nein, aus finanzpädagogischer Sicht wäre das so ziemlich das Gegenteil dessen, was die Oesterreichische Nationalbank und andere mit vielen neuen Finanzbildungsinitiativen versuchen begreiflich zu machen.

Sparen will gelernt sein

Dabei hat der durchschnittliche Österreicher als Sparer noch viel zu lernen. Er ist deutlich konservativer als Sparer anderswo und erreicht damit auch nur deutlich niedrigere Sparziele. Eine Studie der Allianz hat zuletzt gezeigt, dass die Österreicher sich regelrecht arm sparen. Real, nach Abzug der Inflationsrate, blieb bereits zwischen 2012 und 2015 so gut wie nichts übrig.

Woran aber liegt das? Wieso sind die österreichischen Sparer im internationalen Vergleich so ins Hintertreffen geraten? Ein Grund liegt wohl auch in der schwachen Entwicklung der heimischen Börse seit 2008 begründet. Am Wiener Finanzplatz haben vermeintliche „Volksaktien“ wie die Immofinanz viel Schaden angerichtet. Aktien gelten als Risiko, nur Einlagen als sicher. Wobei bei diesem Konzept von Sicherheit völlig außer Acht gelassen wird, welche Renditen langfristig zu erwarten sind.

Aktien, so scheint es zudem, sind medial in Österreich nur dann interessant, wenn es gerade so richtig „rasselt“. Die Jahre steigender Kurse gehen daher mit einer relativ moderaten Aufmerksamkeit einher. Wenn es dann aber einmal zu einer Korrektur kommt, werden die Titelseiten mit Horrormeldungen gefüllt. Und so antworten österreichische Sparer klar verunsichert, wenn man sie nach den besten Anlageformen fragt. Aktien? Nein, danke.

Auch das Jahr 2017 wird wenig an der finanziellen Großwetterlage ändern. Wer kein Risiko eingeht, darf keine Rendite erwarten. Sparen mit Sparbuch ist in diesem Umfeld damit kein „Sparen“ und Vermehren mehr, sondern ein „auf die Seite legen“ – die Alternative zum Kopfpolster, nur mit einem Bankberater und Gebühren.

Kinder werden auf dem Weltspartag die Lektion der Zinseszinsrechnung noch länger nur in Ausnahmefällen benötigen. Stattdessen sollte sich an einem Tag wie heute, an dem es ritualisiert ums Geld geht, andere, zentrale Fragen stellen: Wie hängen Risiko und Rendite zusammen? Wie funktioniert Diversifikation? Warum ist es wichtig, sich die reale Verzinsung, also nach Inflation, anzusehen? Dann könnte dieser Tag auch trotz der extrem geringen Zinsen langfristig sein Gutes haben.

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